Alte Fraun und Männer hocken auf ihren Bänken (Gundermann)

Plötzlich fühle ich mich alt. Meine Kollegin weiß schon nicht mehr, was und wo der Pionierpalast auf der Bautzner Straße war, sie korrigiert meine fehlerhafte Rechtschreibung, und mit jedem Widerspruch meinerseits rücke ich weiter in die Reihen der starrsinnigen Alten vor. Ich suche im Netz danach, wie verbindlich die neue Rechtschreibung ist. Fazit: ich muß mich an die Vorgaben aus der Geschäftsführung halten. Meine aktive Anpassung wird allerdings durch die ständigen Hinweise auf Mängel verhindert.

Es ist eine Spur Masochismus dabei. Ich mache die automatische Korrektur von daß in dass rückgängig.

Ernest Hemingway, Die Hauptstadt der Welt

Madrid wimmelt von Jungen, die Paco heißen: Das ist die Abkürzung des Namens Francisco, und es gibt einen Madrider Witz von einem Vater, der nach Madrid kam und in den kleinen Anzeigen von “El Liberal” folgendes Inserat aufgab: “Paco, komm Dienstag mittag ins Hotel Montana. Alles vergeben, Papa”, und wie eine ganze Schwadron Guardia Civil aufgeboten werden mußte, um die achthundert jungen Männer auseinanderzutreiben, die auf die Anzeige hin gekommen waren.

Ein Kränzelein von

Gänseblümchen. Die Kinder werfen mir die Blumen zu, und ich flechte ihnen Armbänder daraus.

Vorher bahnten wir uns einen Weg durch den Dschungel. Das Gras auf der Wiese unterhalb des Turmes ist schon höher als J.; am Moreaudenkmal machten wir Rast.

Es wird Sommer, ich sehe es an der Kleidung der Mädchen und Frauen mehr als an dem Grün der Bäume, dem Blau des Himmels und dem Weiß der Wolken.

Als ich die Kinder ins Bett bringe, sehe ich im Hinterhof noch Menschen: sie sitzen auf der Wiese oder spielen Federball.

Log II

5:43 – “Mama, kann ich das Rennauto haben?”

6:47 – “Wann ist endlich Wochenende?”

7:41 – “Nächste Haltestelle: Hauptbahnhof.”

8:57 – “Ich würde den gern in Outstanding verschieben, da muß ich nicht immer hin- und herswitchen.”

9:44 – “Keine Ahnung, ob wir damit was reißen.”

10:44 – “Lieber ABC-Kunde, wir freuen uns sehr, dass wir weiterhin für Sie da sein dürfen. Viel Spaß und Erfolg im ABC-Netz wünscht Ihnen: Ihr ABC-Team”

11:44 – *klick* *klick* *klick*

12:49 – ” Daß sie nicht denken, unser Erfolg ist von ihnen abhängig, sondern auch andersrum.”

14:02 – “Ich geh mal wieder ans Telefon.”

14:46 – *klick* *klick* *klick*

15:42 – “Wir gucken jetzt einfach mal, was alles so kommt.”

16:45 – “Hast Du gerade Gewitter gehört?”

17:30 – “Stauberzock! Stauberzock!”

18:38 – “Nochmal? – Bumm! – Nochmal? – Hehe! – Nochmal blubb, ja?”

19:42 – “Wird es schon langsam dunkel?”

20:43 – “Jetzt kannst Du gehen. Ich möchte meine Ruhe.”

Log

5:23 – von einem Eichelhäher geweckt worden

7:29 – ich sehe die Notwendigkeit ein, den Kita-Vertrag auf zehn Stunden zu erhöhen

7:46 – viel zu früh am Bahnsteig

7:56 – Einfahrt S-Bahn, Komplettierung der Morgentoilette im Zug-WC (wie jeden Morgen; unbestreitbarer Vorzug der S-Bahn vor jedem anderen verfügbaren Verkehrsmittel)

8:16 – am Schreibtisch: Hektik für zwanzig Minuten

9:46 – noch immer Hektik; ich muß nicht vortäuschen zu arbeiten

10:01 – seit Tagen dieses eine Lied im Ohr: http://www.youtube.com/watch?v=UaTs-lvBdLk

12:37 – Pause. Pause?

12:55 – um eine Pause zu machen, muß man sich vom Rechner entfernen; also jetzt Pause

14:08 – überstimmt worden

14:33 – Wasserflasche auffüllen

14:38 – nochmal überstimmt worden

15:02 – Gang zum Bäcker; war es B. oder U., der vor Urzeiten die Stadtteile nach der Anzahl rotgefärbter weiblicher Haarschöpfe unterschied?

15:41 – was mir gerade auffällt: ich bin geduldig

16:31 – ich bin dran, den Abwasch zu machen; feels like home

16:48 – Hello A., please be so kind to make the 3 samples. [...] Looking forward to hear from you. [...] … dann bleib ich noch …

17:42 – ich schaffe die nächste Bahn noch

17:47 – Makeup-Relaunch @ S-Bahnklosett; mehr schlecht als recht

18:11 – die Bank schließt dienstags um 18 Uhr

18:12 – ein fremder Mann grüßt mich; oder sollte ich ihn kennen?

18:18 – einen Euro für U.s Buch hab ich noch einstecken

18:41 – die Stadt langweilt mich; ich trete den Heimweg an

21:11 – seit einer Stunde am Rechner, um den Telefonvertrag zu verlängern: done

21:35 – ich sollte mal kurz in der Küche schauen, ob für morgen früh noch saubere Tassen da sind

22:08 – Abwasch halbherzig erledigt

22:21 – entschlossen, dieses Experiment morgen in modifizierter Form wieder aufzunehmen

Reise ins 19. Jahrhundert

Es ist Luxus, an einem Montagabend in der Semperoper zu sitzen und ein Ballett anzusehen. Coppélia – nichts paßt so sehr in die Semperoper wie dieses völlig unzeitgemäße Stück.

Die Geschichte wäre schnell erzählt:

Dr. Coppélius ist Forscher und erschafft Puppen, die aussehen und sich bewegen wie Menschen. Seine schönste Schöpfung ist ein Mädchen, die fortan Coppélia genannt wird. Er schiebt sie hin und wieder auf seinen Balkon und läßt die Mitmenschen glauben, es handele sich dabei tatsächlich um ein Mädchen.
Ein junger Mann, Franz, verliebt sich in Coppélia. Seine eigentliche Verlobte, Swanilda, wird eifersüchtig und versucht zu ergründen, was es mit der geheimnisvollen Coppélia auf sich hat. Eines Abends dringt sie mit Freundinnen in die Werkstatt von Coppélius ein.

Und schon hier beginnt meine Schilderung, mich zu verdrießen; ich bringe einfach nicht die Disziplin auf, die Story weiterzuerzählen. Es ist Vorabendprogramm, die Handlung ist simpel und uninteressant.

Umso erstaunlicher war, daß ich mich während der Aufführung keinen Moment langweilte. Es gab viel zu sehen: die Bühnenbilder, die Kostüme, die Bewegungen der Tänzer. Alles war so leicht und fröhlich, so überreich an Dekor und Verzierung, märchenhaft, bunt und glänzend – für einen Moment sah ich mich selbst wie in einem Film, wo im nächsten Moment die Idylle zusammen- und eine Katastrophe hereinbricht.

Zweck und Anspruch des Stückes: die pure Unterhaltung. Luxus im reinsten Sinne.